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Barrierefreiheit im Onlinehandel: 300 deutsche Shops geprüft

Fünfzehn Monate nach dem Start des BFSG haben wir die Startseiten von 300 deutschen Onlineshops automatisch gegen WCAG 2.1 AA geprüft. Bei 270 fand das Werkzeug mindestens einen Verstoß, bei mehr als der Hälfte einen kritischen. Die Zahlen, die Methode und was sie aussagen.

Ein Balkendiagramm, daneben der Titel des Beitrags

Seit dem 28. Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, für Onlineshops ohne Übergangsfrist. Fünfzehn Monate später wollten wir wissen, wie weit der deutsche Onlinehandel ist. Wir haben am 23. September 2026 die Startseiten von 300 deutschen Onlineshops mit demselben Werkzeug geprüft, das hinter vielen Browser-Erweiterungen für Barrierefreiheit steckt.

Das Ergebnis vorweg: Bei 270 von 300 Shops, also 90 Prozent, fand das Werkzeug mindestens einen Verstoß gegen WCAG 2.1 A oder AA. Bei 158 Shops, 53 Prozent, war mindestens einer davon als kritisch eingestuft.

Die Zahlen im Überblick

Messwert Shops Anteil
Geprüfte Startseiten 300 100 %
Mindestens ein automatisch erkannter Verstoß 270 90,0 %
Mindestens ein kritischer Verstoß 158 52,7 %
Kein automatisch erkannter Verstoß 30 10,0 %
Verweis zur Barrierefreiheit auf der Startseite 153 51,0 %

Im Median verletzte eine Startseite drei verschiedene Regeln, und die Zahl der betroffenen Stellen lag im Median bei vierzehn.

Die häufigsten Fehler

Regel in axe-core Was sie prüft Shops Anteil
color-contrast Kontrast von Text zu Hintergrund (4,5 : 1, große Schrift 3 : 1) 197 65,7 %
link-name Verweise mit erkennbarem Namen, etwa Symbole ohne Text 162 54,0 %
image-alt Alternativtexte für Bilder 69 23,0 %
button-name Knöpfe mit erkennbarem Namen 56 18,7 %
meta-viewport Vergrößern auf dem Telefon nicht gesperrt 46 15,3 %
listitem Listenpunkte in einer echten Liste 38 12,7 %
aria-required-children ARIA-Rollen mit den nötigen Unterelementen 36 12,0 %
list Listen, die nur Listenpunkte enthalten 32 10,7 %
nested-interactive Keine Bedienelemente in Bedienelementen 30 10,0 %
link-in-text-block Verweise im Fließtext auch ohne Farbe erkennbar 30 10,0 %

Drei Dinge fallen auf.

Kontrast ist der Klassiker. Fast zwei Drittel der Startseiten haben Text, der zu hell auf seinem Grund steht. Meist sind es Preise in Grau, Hinweise unter Produkten oder weiße Schrift auf hellen Bildern. Genau diesen Fehler hatten wir auch auf unserer eigenen Seite, er steht im Beitrag Barrierefreie Website: was das BFSG wirklich verlangt.

Symbole ohne Namen. Warenkorb, Merkliste, Konto und Suche erscheinen oft nur als Symbol. Für einen Screenreader heißt ein solcher Verweis dann „Link“ und sonst nichts. Bei 162 Shops stand mindestens ein Verweis, bei 56 mindestens ein Knopf ohne erkennbaren Namen auf der Startseite. Das sind oft genau die Stellen, an denen gekauft wird.

Zoom gesperrt. 46 Shops, gut jeder siebte, verhindern auf dem Telefon das Vergrößern mit zwei Fingern. Das lässt sich mit einer Zeile im Kopf der Seite beheben und trifft gerade Menschen, die schlecht sehen.

Hinweis auf die Barrierefreiheit

Wer unter das BFSG fällt, muss Informationen zur Barrierefreiheit bereitstellen. Wir haben geprüft, ob die Startseite einen Verweis enthält, dessen Text oder Adresse „barrierefrei“, „barrierearm“ oder „accessibility“ enthält. Das traf auf 153 von 300 Shops zu, also auf etwa die Hälfte. Ein fehlender Verweis auf der Startseite heißt dabei noch keinen Verstoß: Die Angaben dürfen auch in den Geschäftsbedingungen stehen.

Nach Shopsystem

Shopsystem Shops mit Verstoß
Kein System erkannt (meist Eigenentwicklung) 112 95
Shopify 67 62
JTL-Shop 31 30
Magento / Adobe Commerce 25 23
Shopware 23 21
WooCommerce 12 11
Salesforce Commerce Cloud 11 10
OXID 9 8
plentymarkets, Gambio, PrestaShop 10 10

Die Gruppen sind klein, und das System allein entscheidet wenig. Fehler entstehen vor allem im Theme, in Erweiterungen und in den Inhalten, die ein Shop selbst einpflegt. Kein System schützt davor, graue Schrift auf grauen Grund zu setzen.

So haben wir gemessen

  • Auswahl: Aus der Tranco-Liste vom 20. September 2026 (Kennung 64X5X) haben wir alle .de-Domains der Reihe nach abgerufen, insgesamt 5.982. Als Onlineshop galt eine deutschsprachige Startseite mit der Kennung eines Shopsystems und Warenkorb oder Preisen, oder ohne erkennbares System mit Warenkorb-Verweis und mindestens fünf Euro-Preisen. Die ersten 300 Treffer bilden die Stichprobe, von Rang 2.122 bis Rang 244.697.
  • Ausschluss: Ein Shop lieferte statt der Startseite eine Bot-Sperre und wurde durch den nächsten in der Reihe ersetzt.
  • Prüfung: Jede Startseite einmal in Chrome ohne Oberfläche, Fenster 1366 mal 900 Pixel, Sprache Deutsch, am 23. September 2026 zwischen 10:29 und 10:48 Uhr. Danach lief axe-core 4.13.0 mit allen Regeln für WCAG 2.0 und 2.1, Stufen A und AA. Nichts wurde angeklickt, auch kein Cookie-Banner.
  • Werkzeuge und Daten: Die Skripte und die Rohdaten liegen bei uns und gehen auf Anfrage an Redaktionen und Forschende. Einzelne Shops nennen wir nicht.

Was die Zahlen nicht sagen

Eine automatische Prüfung erfasst nur einen Teil der Kriterien. Ob die Tastatur überall hinkommt, ob die Reihenfolge Sinn ergibt und ob die Kasse mit einem Screenreader funktioniert, sieht nur ein Mensch. Die 30 Shops ohne erkannten Verstoß sind deshalb nicht automatisch barrierefrei, und die 270 übrigen verfehlen die Anforderungen mit Sicherheit.

Geprüft wurde nur die Startseite, meist mit geöffnetem Cookie-Banner, denn so sieht sie jeder beim ersten Besuch. Produktseiten, Warenkorb und Kasse können besser oder schlechter sein. Und die Stichprobe besteht aus viel besuchten Shops. Ob einzelne davon als Kleinstunternehmen vom BFSG ausgenommen sind, lässt sich von außen nicht feststellen; bei den meisten ist es wegen ihrer Größe unwahrscheinlich.

Was Shops jetzt tun können

  1. Kontraste messen. Alle Textfarben gegen ihren tatsächlichen Hintergrund, auch Preise, Hinweise und Schrift auf Bildern.
  2. Symbolen einen Namen geben. Warenkorb, Konto, Merkliste und Suche brauchen einen Text, den ein Screenreader vorlesen kann.
  3. Zoom freigeben. maximum-scale und user-scalable=no aus dem Viewport-Eintrag entfernen.
  4. Alternativtexte ergänzen, zuerst bei Produktbildern und Bannern mit Text.
  5. Die Erklärung zur Barrierefreiheit verlinken, gut auffindbar, etwa im Fußbereich.

Wenn du wissen willst, wo dein Shop steht: Beim Barrierefreiheit-Check prüfen wir ihn automatisch und von Hand und sagen dir, was zuerst drankommt.

Quellen

Stand dieses Beitrags

Erste Veröffentlichung mit den Messwerten vom 23. September 2026.

Häufige Fragen zur Studie

Wie viele deutsche Onlineshops sind barrierefrei?

Das lässt sich automatisch nicht vollständig messen. In unserer Prüfung von 300 Startseiten im September 2026 fand axe-core bei 270 Shops, also 90 Prozent, mindestens einen Verstoß gegen WCAG 2.1 A oder AA. Nur 30 Startseiten waren frei von automatisch erkennbaren Fehlern, was noch keine vollständige Barrierefreiheit belegt.

Welcher Fehler ist am häufigsten?

Zu wenig Kontrast. Bei 197 von 300 Shops, knapp zwei Dritteln, stand Text auf der Startseite mit weniger als 4,5 zu 1 gegen seinen Hintergrund. Danach folgen Verweise ohne erkennbaren Namen (162 Shops) und Bilder ohne Alternativtext (69 Shops).

Welche Shops wurden geprüft?

Die 300 bestplatzierten deutschsprachigen Onlineshops mit .de-Adresse in der Tranco-Liste vom 20. September 2026, einer öffentlichen Rangliste der meistbesuchten Domains. Als Shop galt eine Startseite mit Warenkorb und Preisen oder mit der Kennung eines Shopsystems.

Kann ich die Ergebnisse für meinen Shop bekommen?

Einzelne Shops nennen wir nicht, die Studie zeigt nur Summen. Wenn du wissen willst, wie dein eigener Shop dasteht, prüfen wir ihn gern, automatisch und von Hand.